Schule im Flamingo

Mehr als Unterricht

Schule bedeutet für Kinder weit mehr als Lernen: Sie gibt Struktur, Sicherheit und ein Stück Alltag. Deshalb gehört sie auch zum Angebot des Flamingo Kinderhospizes. Gemeinsam mit der Spitalschule des Universitäts-Kinderspitals Zürich (Kispi) und dem Volksschulamt des Kantons Zürich wurde ein Schulangebot geschaffen, das schwerstkrankte Kinder und Jugendliche während ihres Aufenthalts begleitet und individuell fördert.
Als Barbara Trechslin, Leiterin der Spitalschule des Kispi, Anfang 2025 erstmals von den Plänen für das Flamingo Kinderhospiz hörte, entwickelte sich aus einem kurzen Austausch mit Selina Boppart, Pädagogin und Co-Leiterin des psychosozialen Bereichs im Flamingo, rasch eine gemeinsame Vision: Ein schulisches Angebot im Kinderhospiz. Von Anfang an überzeugten Barbara Trechslin die Menschen hinter dem Projekt: «Mich haben die positive Energie sowie die Professionalität und Herzlichkeit aller Beteiligten begeistert. Das Flamingo ist für mich die gelungene Umsetzung einer grossartigen Idee und echte Pionierarbeit.»
Für Kinder und Jugendliche mit einer lebenslimitierenden Erkrankung bedeutet Schule weit mehr als Lernen im klassischen Sinn. Sie vermittelt Alltag, Orientierung und Verlässlichkeit. Gerade während eines Aufenthalts im Flamingo kann der Unterricht helfen, ein Stück Normalität aufrechtzuerhalten. «Alle schulpflichtigen Kinder haben Anrecht auf eine angemessene Beschulung – unabhängig davon, wo sie sich aufhalten und in welcher momentanen gesundheitlichen Verfassung sie sich gerade befinden», erklärt Trechslin. Dieses sogenannte Normalitätsprinzip bildet die Grundlage der Arbeit im Flamingo. Der Unterricht wird individuell gestaltet und orientiert sich an den Ressourcen, Bedürfnissen, Interessen und Möglichkeiten der Kinder.

Der Unterschied zur Spitalschule

Im Flamingo findet Lernen dort statt, wo es für das Kind und die Situation stimmt: Im Schulzimmer, im Gästezimmer, auf der Terrasse oder im Atelier. Ob ein spontaner Besuch beim Pony Tobi, kreative Aktivitäten oder gemeinsames Lernen in kleinen Gruppen – die Umgebung schafft vielfältige Bildungs- und Begegnungsmöglichkeiten. Anders als im Akutspital erleben die Lehrpersonen im Flamingo eine deutlich ruhigere Umgebung. Die Kinder sind häufig entspannter und ihre Tage besser planbar, da keine Operationen oder akuten medizinischen Eingriffe anstehen. Diese besondere Atmosphäre wirkt sich positiv auf das Lernen aus. Viele Kinder kennen die Lehrpersonen zudem bereits aus dem Kispi. Die vertrauten Bezugspersonen bleiben erhalten und geben Sicherheit in einer herausfordernden Lebenssituation.

Unterstützung für die ganze Familie

Im Zentrum der Kinderhospizarbeit steht immer die ganze Familie. Deshalb profitieren nicht nur die Kinder von der Beschulung. Während des Unterrichts erhalten Eltern die Möglichkeit, sich für kurze Zeit zurückzuziehen, Kraft zu schöpfen oder einfach durchzuatmen.

Die Rückmeldungen der Familien zeigen, wie wichtig dieses Angebot ist. Eltern schätzen es, dass die schulische Begleitung während des Aufenthalts weitergeführt wird und ihr Kind in seinem gewohnten Entwicklungsprozess unterstützt bleibt.

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Noch befindet sich das Angebot in einer frühen Entwicklungsphase. Bereits heute werden Kinder aus verschiedenen Kantonen beschult, und es entstehen erste Ideen, künftig auch individuelle Lösungen für Geschwister zu ermöglichen. Mit Blick auf die Zukunft betont Barbara Trechslin die Bedeutung einer langfristigen finanziellen Absicherung: «Ich wünsche mir, dass das Flamingo und die Spitalschule auf einer stabilen finanziellen Grundlage aufbauen können, damit dieses wertvolle Angebot langfristig bestehen bleibt.» Gerade das Schulangebot macht sichtbar, wofür das Flamingo steht: Kinder werden nicht auf ihre Krankheit reduziert. Sie bleiben Lernende, Entdeckerinnen, Freunde und Geschwister. So entsteht ein Ort, an dem Entwicklung, Begegnung und Familienzeit nebeneinander möglich sind – und Schule zu einem Stück gelebter Normalität wird.

Das Interview führte Nicola Presti mit Barbara Trechslin, Schulleiterin der Spitalschule für Patientinnen und Patienten sowie der Spitalschule der Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation des Kinderspitals Zürich und der Aussenstelle im Flamingo Kinderhospiz.