Im Gespräch mit Mathijs Broekema
Wie sieht ein Alltag im Flamingo aus? Und was macht die Arbeit von Pflegefachmann Mathijs Broekema so besonders?

Mathijs Broekema, Dipl. Pflegefachmann HF
Offenheit und Aufmerksamkeit charakterisieren Mathijs Broekemas Haltung. Viele würden seinen Job als emotional herausfordernd beschreiben. Mathijs selber spricht ruhig und achtsam über seine Arbeit, die niemals einer «eingefahrenen Routine» folge. Vielleicht liegt darin bereits ein Schlüssel zu seiner Haltung: Der diplomierte Pflegefachmann dramatisiert nicht, sondern beobachtet, hört zu und lässt sich auf die Bewohner: innen ein. «Ich bin immer wieder aufs Neue gespannt, was mich im Flamingo erwartet», sagt er. Es ist eine wertschätzende Haltung für die Begegnungen, die jeder Tag mit sich bringt. Mathijs Broekema hat seinen Weg ins Flamingo Kinderhospiz nicht von langer Hand geplant. Während einer Weiterbildung in allgemeiner Palliative Care hört er zufällig von einer neuen Institution für lebensverkürzend erkrankte Kinder und ihre Familien. Lange bleibt es nicht bei der Neugier. Aus anfänglichem Interesse wächst rasch eine tiefe Überzeugung und die Gewissheit «… hier am richtigen Ort zu sein», denn «die Kinderhospizarbeit hat mich sofort angesprochen». Mathijs Broekema kommt eigentlich aus der Geriatrie und arbeitet parallel auch immer noch in einem Alterszentrum. Eine Welt, die in vielerlei Hinsicht das Gegenteil seines neuen Arbeitsumfelds ist. «Die allergrösste Besonderheit besteht darin, dass die erkrankten Kinder im Flamingo am Beginn des Lebens stehen», sagt er. Wo er bisher betagte Menschen am Ende ihres Lebens begleitete, begegnet er nun Kindern, deren Perspektive zwar offen scheint, aber zugleich zeitlich begrenzt. Dass ihn dieser Wechsel nicht abschreckt, hat auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Broekemas Tochter erkrankte im Kleinkindalter schwer. Heute ist sie gesund. Doch die Zeit hat Spuren hinterlassen und ihn geprägt: Broekema kennt nicht nur die Rolle des Pflegenden, sondern auch jene der Eltern. Diese doppelte Sicht prägt seine einfühlsame Arbeit.
Die Experten sind die Eltern
Im Flamingo Kinderhospiz ist palliative Pflege nicht nur ein spezialisierter Aufgabenbereich, sondern ein Geflecht aus Beziehungen. Eltern seien «die Experten ihres Kindes», sagt er – ein Satz, der viel über das Selbstverständnis der Einrichtung verrät. Pflege geschieht hier im Dialog, im Aushandeln, im ständigen Neujustieren von Nähe und Verantwortung. Jede Familie bringt ihre eigene Geschichte mit, ihre eigenen Routinen, ihre eigenen Erwartungen. Für das Pflegepersonal bedeutet das eine permanente Anpassungsleistung, fachlich wie menschlich. Der Alltag folgt dabei bewusst nicht der Logik eines Spitals. Nachdem die Bedürfnisse des Kindes geklärt sind, beginnt ein Tagesablauf, der dem Leben zuhause möglichst nahekommen soll: Gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche, Spielen, Zeit im Freien. Pflegerische und medizinisch-technische Aufgaben gehören dazu, stehen aber nicht im Zentrum. «Die Alltagsgestaltung und die Aktivitäten stehen im Vordergrund», so Mathijs.
Ort der Lebensfreude
Er erlebt das Flamingo Kinderhospiz als einen lebensfrohen Ort. Es seien nicht die Krisen, die bleiben, sondern die Haltung der Familien. Ihre Offenheit, ihre Fähigkeit, trotz der Situation Lebensfreude zuzulassen. «Man ist hier nicht ständig am Trauern. Sondern es wird wirklich gelebt», sagt er. Diese Erfahrung verdichtet sich für ihn im Bild des Symbols des Hauses, dem Flamingo: Nicht als Einrichtung, sondern als Atmosphäre. «Es ist ein lebendiger Ort, wo gespielt wird, gelacht wird, wo es laut zugehen kann – wie zu Hause auch.» Normalität ist hier kein Nebeneffekt, sondern Ziel. Ein geschützter Raum, in dem Eltern loslassen können, manchmal zum ersten Mal seit langer Zeit. Ein Ort, an dem auch Geschwister wieder in den Mittelpunkt rücken dürfen.
Vertrauen schaffen – Kraft schöpfen
Dass Mathijs in dieser Umgebung schnell Vertrauen gewinnt, zeigt sich in den Rückmeldungen von Eltern. Besonders prägend ist für ihn die Begegnung mit einer Mutter, die ihn zur Seite nimmt und gerührt ist von der besonderen Verbindung zu ihrem Kind – und die sich wünscht, dass er auch beim nächsten Aufenthalt die Betreuung des Kindes mitbegleitet. In solchen Momenten fühlt sich der Pflegefachmann bestätigt: Er wolle nicht nur funktionieren, sondern Beziehungen aufbauen, die tragen. Aus dem aufgebauten Vertrauen und dem Gefühl, wirksam zu sein, sei es auch nur im Kleinen, schöpft er Kraft. Broekema beschreibt sich selbst als jemanden, der «gerne für Andere da ist» und darin Sinn findet. Gleichzeitig bleibt die Arbeit anspruchsvoll. Die pflegerische Komplexität, die Erwartungen der Eltern, die eigene Rolle als Mann in einem sensiblen Umfeld – all das fordert ihn täglich heraus. Aber er kommt gerne ins Flamingo, vielleicht auch gerade wegen dieser Herausforderung. Vielleicht, weil sich in den leisen Momenten etwas erfüllt, das schwer zu beschreiben ist: Das Gefühl, an einem Ort zu arbeiten, an dem nicht das Lebensende im Mittelpunkt steht, sondern ein gemeinsamer Lebensweg, der Andere in schwierigen Lebenszeiten unterstützt. Mathijs Broekema hat im Flamingo eine Berufung gefunden. Eine Haltung, die Unsicherheit zulässt, Nähe ermöglicht und im besten Fall genau das schafft, was Familien in Extremsituationen brauchen: Ein Stück Verlässlichkeit.
Das Interview führte Nicola Presti, Kommunikationsbeauftragte Stiftung Kinderhospiz Schweiz.
